Einleitung zum Buch: Cornelius Kolig, DAS PARADIES. DIE BEDIENUNGSANLEITUNG. © 2013, Ritter Verlag Klagenfurt und Cornelius Kolig. 904 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 30,4 x 24 cm

2004 erschien im Verlag Ritter das Buch AN DEN KLON, ein erster Band von mehreren geplanten Nachschlagwerken mit den zeichnerischen Entwürfen und schriftlichen Anleitungen für die Umsetzung bisher nicht realisierter Ideen für das Paradies. Mit dem ständig wachsenden Umfang all dieser skizzierten Erfindungen ist auch ihre Verwirklichung immer aussichtsloser geworden und musste von mir an die mir eventuell einmal im Paradies nachfolgenden Kunstarbeiter delegiert werden. Mit dem bisher realisierten Teil des Paradieses befasst sich die jetzt vorliegende Bedienungsanleitung. Sie den geplanten anderen Dokumentationen zeitlich vorzuziehen, scheint mir wegen ihrer Wichtigkeit für das Verständnis der Arbeiten sinnvoll. Sie beschreibt die Nutzung und Wartung der baulichen Anlage und der in ihr verwahrten Objekte.
Das Paradies, das ist heute ein etwa 5.000 m² großes Areal in meinem Geburtsort Vorderberg im Gailtal in Kärnten, auf dem ab 1979 im Laufe von drei Jahrzehnten Gebäude und Gartenelemente für die darin versammelten Objekte und Installationen entstanden sind. Der zeitliche Bogen der Werke spannt sich von den ersten Arbeiten bis zu denen der letzten Jahre, umfasst also bis auf einige wenige wichtige Werke, die sich in anderen Sammlungen oder in Privatbesitz befinden, beispielhaft fast mein gesamtes Lebenswerk von 1962 bis heute. Manche der verloren gegangenen oder verkauften Arbeiten, aber auch solche im öffentlichen Raum, die nach wie vor gedanklicher Teil des Gesamtkonzeptes des Paradieses sind, werden in dieser Bedienungsanleitung in Texten und Fotos angeführt (siehe Fotoarchiv).
Beinahe alle Objekte haben neben ihren Eigenschaften als Plastik oder Skulptur auch Gerätecharakter und lassen sich benutzen, aber nicht an allen ist die Art und Weise ihrer Bedienung ohne Anleitung ablesbar. Das soll aber Benutzer nicht davon abhalten, mit ihnen auch anders als von mir beschrieben umzugehen. Durch die Benutzung der Installationen entstehen immer wieder neue Arbeiten, Bilder, Plastiken, Zeichnungen, Videos, Audioaufnahmen oder Fotoarbeiten, die als Varianten vorangegangener Ergebnisse – letzteren an die Seite gestellt – ihre ständige Veränderung und Erweiterung bewirken sollen.
Die Benutzung eines Objektes geschieht entweder am Ort seiner Lagerung oder im Bedarfsfall in der Roten Grube oder im Fotoraum. Die Benutzung der Objekte ist, wenn nicht ausdrücklich das Gegenteil in der Anleitung vermerkt wurde, grundsätzlich nicht öffentlich. Modelle bleiben auf Wunsch in Film-, Foto- oder Tonaufnahmen anonym. Es gibt keine Zuseher, außer diese sind ident mit Benutzer oder Kameramann. Erst ein dem Objekt beigestelltes Großfoto oder ein auf Sekunden eingekürztes und zur Endlosschleife gelooptes Video zeigt unbeteiligt gewesenen Besuchern des Paradieses die Benutzung des Objektes. Er sieht als solcher daher immer (nur) die Ausstellungsversion der Installation (siehe Fotos auf der gegenüberliegenden Seite). Ein auf das Wesentlichste eingekürzter Text informiert zusätzlich oder auch nur alleine über die Benutzung eines Gerätes.
Die Bedienungsanleitung verzichtet auf alle die praktischen Hinweise übersteigenden Hilfen einer Deutung der Natur- und Körperinszenierungen des Paradieses und vermeidet spezielle Verweise auf die vielen offenkundigen Parallelen zwischen menschlichen, tierischen und pflanzlichen Verhaltens- oder Empfindungsweisen, ebenso wie auf individualpsychologische oder allgemeine entwicklungs- oder kulturgeschichtliche Hintergründe der Objekte. Mir ist bewusst, dass eine Arbeit und ihre Wirkung eng mit Zeit, Ort und Gesellschaft, in der sie entstanden ist, verknüpft bleiben und unter anderen Voraussetzungen ganz andere Formen annehmen müsste, um als Sampler und vielsinnlicher Verstärker unserer Wahrnehmungswelt wirksam zu werden. Es ist mir daher ein Anliegen, die Rahmenbedingungen, die einem Werk mitgegeben werden, für dessen Benutzung auch in einer Gebrauchsanleitung möglichst offen zu halten.
Die Reihung der Objekte folgt in dieser Gebrauchsanweisung nicht chronologischen Gesichtspunkten, sondern einer ahistorischen Positionierung der Arbeiten innerhalb des Geländes und der Gebäude des Paradieses. Um jedoch das kunsthistorische Interesse an einer zeitlichen Einordnung zu befriedigen, wird versucht, soweit belegbar oder erinnerlich, die Anfänge der Werkgruppen zu datieren.
Die Texte der Bedienungs- und Wartungshinweise für die einzelnen Objekte und Installationen sind schlagwortartig und so kurz wie möglich gehalten. Manchmal werden die Techniken, in denen die optimalsten Ergebnisse einer Benutzung zu erwarten sind, hervorgehoben.
Die Dokumentation von Ton und Performance eines Objektes hat in Buchform ihre natürlichen Grenzen. Leser dieses Manuals sollten sich daher dieses Umstandes bewusst sein. Die Benutzung einer Arbeit und ihre Ausstellungsversion sind immer ein sinnlich ganzheitliches Erleben, das bei Durchsicht dieser Bedienungsanleitung stets mitgedacht werden soll.