aus: Katalog zur Ausstellung Cornelius Kolig im Museum Liaunig, Neuhaus/Suha, 2018. Fotos © Museum Liaunig, www.museumliaunig.at

„Durch die Zusammenschau und den symphonischen Zusammenklang aller Teile des PARADIESES sollte immer schon ein höherer Grad an Komplexität und Intensität erreicht werden, als durch die vom Kunstbetrieb in der Regel geforderte Portionierung künstlerischer Konzepte zu warenverkehrstauglichen Einzelwerken möglich ist. (…) Das PARADIES isoliert das gesampelte sinnliche Erleben und ist zugleich sein Verstärker. Dies geschieht in kritischer Distanz zum eigenen künstlerischen Handeln und im Bewusstsein des Ausgeliefertseins an die biologischen Voraussetzungen, an die automatisch und unbewusst ablaufenden Prozesse unseres Tuns und anthropozentrisch geprägten Urteilens. Aus Sternenstaub gemacht, sehen wir uns als Teil eines rätselhaften und unbeteiligten Universums, das im schönsten, aber wohl unwahrscheinlichsten Fall in uns sich seiner selbst bewusst wird, was eine Remythisierung unserer Existenzdeutung gleichkäme. Durch die wiederholte Benützung der hier versammelter Arbeiten durch dieselben oder durch wechselnde Personen in stets unterschiedlicher Art und Weise sollen immer wieder neue Varianten von Anwendungsergebnissen den alten hinzugefügt werden. Das PARADIES gibt seine Nutzung lediglich die Rahmenbedingungen vor.“ (Cornelius Kolig)
Kein Paradies ist von dieser Welt, es liegt immer jenseits, auch wenn die Vorstellungen davon im Hier und Jetzt eingebettet sind. Als Begriff vom persischen Wort „pairi-daeza“ abgeleitet, bezeichnete es ursprünglich ummauerte Gärten, die in einer wüsten Landschaft vor allem für auserwählte Personen angelegt wurden. Es waren besondere Orte, deren Bedeutung durch die Setzung einer Grenze und gewisser Zutrittsbestimmungen definiert wurde.
In der christlichen Vorstellungswelt wurde das Paradies sowohl an den Anfang der Menschwerdung gestellt als auch ans Ende der menschlichen Geschichte imaginiert. Denn ursprünglich war der Mensch durch die „Schuld“ von Adam und Eva aus ihm vertrieben worden, erst der Tod von Jesus öffnete im Christentum dem Menschen das Fenster zu einer als Paradies bezeichneten ewigen Heimstätte. Die Bezeichnung Paradies konnotiert immer mit einem außerhalb des Irdischen angesiedelten Ort und evoziert unterschiedliche (Sinn-)Bilder. Als Garten definiert, sollte in dieser Zone das Prinzip der Eintracht und Harmonie zwischen Mensch und Natur herrschen.
Ein stiller und magischer Ort ist das irdische PARADIES des Malers, Bildhauers, Objekt- und Videokünstlers Cornelius Kolig in Vorderberg im Gailtal. In seinem Geburtsort im südlichen Kärnten verwandelt er seit 1979 eine ehemalige Wiese in ein Gesamtkunstwerk und löst dabei auf radikale wie sensible Weise die Trennung von Kunst und Leben auf. Auf dem rund 6.000 m² großen Areal schuf und schafft Kolig einen Gebäudekomplex, der zugleich Werkstätte, Schaulager, Forschungslabor und Experimentierraum für seine Objekte, Bilder, Plastiken, Zeichnungen, wie Körperinszenierungen und audiovisuellen Aufzeichnungen ist. Die Konzeption des PARADIESES erinnert zwar an sakrale Anlagen, die verwendeten Materialien aber an anonyme landwirtschaftliche Zweckbauten. Wie auch die Bezeichnungen der einzelnen Bereiche zwischen sakral und profan changieren: Sixtina und Pantheon, Kuh- und Saustall, Lager, Silo und Rauschgarten.

Cornelius Kolig, Pantheon im Skulpturendepot Liaunig, 2018 Foto © Museum Liaunig, www.museumliaunig.at
In diesem über Jahrzehnte stetig wachsenden und sich verändernden Ensemble finden Koligs Arbeiten ihren optimalen Raum. Hier wirken die unterschiedlichsten Medien, Objekte, Bilder und Räume zu einem übergeordneten Ganzen zusammen, in dessen konzeptionellem Zentrum die für Kolig wichtigen Bedingungen des Lebendigen stehen: „Die Bloßlegung der sinnlichen Momente des Lebens, seiner Schönheiten und seiner Schrecken, von Wollust und Ekel, von Liebe und Gewalt, Krankheit, Leid, Tod, berauschter Existenzergriffenheit, des Stoffwechsels, der Farben, des Gestankes, der Wohlgerüche, des Tastens, der Freuden des Schmeckens und des Hörens, in neuen kombinatorischen Verbindungen und Verquickungen ihrer Bedeutungen in multimedialen und mit allen Sinnen erfahrbaren Installationen ist Inhalt dieses als Lebens- und Gesamtkunstwerk gedachten Projektes. Die Grundlagen der künstlerischen Sicht der Erfahrung des Lebens und nicht daraus ableitbare gesellschaftliche Forderungen und Konzepte sind Thema des PARADIESES. Das PARADIES ist amoralisch, es wertet nicht.“ (Cornelius Kolig)
Die Konsequenz dieser lebensorientierten Existenzäußerung, dieser manischen Energetik, ist die Verwandlung einer inneren Welt in einen sichtbaren Mikrokosmos, der keine Korrekturen und Einflüsse von außen zulässt. Die innere Logik dieser Obsession bzw. dieser Anlage ist total, weil in sich geschlossen, andererseits aber für jeden frei zugänglich, der sich auf dieses Reich der Zeichen und der Sinne, auf diese Kunstmaschine einlassen will.

Tastgrammatik, 1975, www.museumliaunig.at, © Museum Liaunig
Angesichts des äußeren Erscheinungsbildes, das vor allem durch den Einsatz unveredelter Materialien (Holz, Hohlblocksteine, Aluminium, Beton) bestimmt ist, hat man zwar den Eindruck, vor einem gewöhnlichen Nutzbau zu stehen, doch für welchen Zweck dieser errichtet wurde, erschließt sich erst nach Eintritt in das PARADIES, auf das man sich sowohl rational wie emotional einlassen muss. Als Ort eines künstlerischen Systems und als Gegenentwurf zur „,realen“ Ordnung der Dinge konzipiert, ist es ein Projekt, das einem ständigen Veränderungsprozess unterliegt, von Kolig laufend umcodiert und immer komplexer wird.
Das Ensemble basiert auf einem basilikalen Grundriss mit zwei Türmen, kapellenartigen Zubauten und einer Gruppe anderer Gebäude, die innerhalb des Konzepts von Kolig mit besonderen Bedeutungen, teilweise mit Zitaten aus der christlichen Ikonographie besetzt sind. Umschlossen ist das PARADIES von einer Mauer und einem Hain, die als Filter bzw. Grenze zwischen Außen- und Innenwelt fungieren. Herzstück der Anlage ist ein atriumartiger Hof, der unterschiedliche Blumen, Sträucher und Kletterpflanzen beherbergt, die in ihren Farben, Blütenfolgen und Düften je nach Jahres- und Tageszeit interagieren und auf einander abgestimmt sind. Diese in sich gekehrte Zone ist der Stille, dem innerhalb der Mauern existierenden „Leben“ gewidmet. Die Natur im PARADIES wird von Kolig gezähmt und entlang eines Konzepts arrangiert. Sie darf wuchern und kriechen, unterliegt aber einer ästhetischen und sinnlichen Ordnung.

Guantanamo: WC (2006) li., Guantanamo Bay (2008/2017), Water Boarding (2006). www.museumliaunig.at
© Museum Liaunig
Was sich auf den ersten oberflächlichen Blick als Ort der Ruhe und Eintracht präsentiert, erweist sich in der Benutzung als Raum der Irritation, als gefährlicher Garten der Sinne, als Labyrinth der Gefühle und als Instrument zur Analyse menschlicher Körperbeziehungen. Die Funktion der Anlage erschließt sich nur im aktiven Gebrauch der darin zur Verfügung gestellten Kunstwerke. Mit dem Überschreiten der Grenze ins PARADIES und der notwendigen Offenheit gegenüber seinen Herausforderungen wird man selbst Teil einer Kunstwelt, die einen durch ihre Stringenz in seiner individuellen Verfasstheit relativiert und in Schwebe hält.
Das PARADIES von Kolig ist ein Forschungslabor des Humanen, seines Unbewussten und deren kulturellen Prägungen. In letzter Konsequenz ist es ein Ort der Grenzerfahrungen, da die eigene Scham und ihre kulturellen Konventionen überschritten bzw. herausgefordert werden. Die Anlage schafft Raum für die Installationen und künstlerischen Inszenierungen von Kolig, die alle um den Körper, die Sexualität, den Tod und um das Verhältnis des Menschen zur Natur kreisen. Während im mythologischen Paradies der Mensch „entkörperlicht“ ist und damit der Geist angeblich zur Ruhe kommt, wird der Körper im irdischen PARADIES von Kolig seziert, seine Synästhesie mithilfe von maschinellen Versuchsanordnungen und Installationen in ihrer Banalität wie auch in ihrer Sensibilität analysiert, in Einzelerfahrungen isoliert und offengelegt. Man verlässt das PARADIES nicht geläutert, sondern positiv verstört, findet keine beruhigenden Antworten oder Harmonien, sondern wird immer wieder mit Momenten der irritierenden Selbstreflexion konfrontiert. In diesem Sinne folgt die Dramaturgie der Anlage nicht vordergründig einer architektonischen Idee, sondern unterliegt ganz dem künstlerischen Prinzip von Kolig, das ein spezifisches Verhältnis zur Welt widerspiegelt.
Das Skulpturendepot im Museum Liaunig, jener kreisförmige, mit einem Kegeldach versehene Raum, wo Kolig seine Objekte präsentiert, entspricht in seiner Geometrie einigen Entwürfen, die er seit Mitte der 1980er-Jahre im PARADIES realisieren wollte. Alle sind in ihrem Ansatz dadurch gekennzeichnet, dass sie runde Grundrisse und eine Kuppel haben, aus einfachen Materialien und vorgefertigten Elementen bestehen und unterschiedliche Funktionen im PARADIES übernehmen sollten. Diese reichen von einem Pantheon bis zu einem geplanten Sonnenobservatorium, wurden aber aus Kostengründen nie verwirklicht. Es ergibt sich nun für Kolig durch die Ausstellung die Möglichkeit, seine räumliche Vision zu überprüfen und sein Konzept an diesem „fremden Ort“ mit der Präsentation von einigen Objekten und Skulpturen aus der Sammlung Liaunig und aus dem PARADIES erstmals sichtbar zu machen.
aus: Cornelius Kolig, Das Pantheon im Skulpturendepot Liaunig. Versuch einer Transplantation.
Hrsg.: HL Museumsverwaltung GmbH, Katalog zur Ausstellung, Neuhaus/Suha, 2018